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Zeitungsartikel „Barrierefreie Kommunikation“

04.04.2019 | Schriftdolmetschen

Am Montag erschien in der Amberger Zeitung erneut ein Artikel zum Thema Schriftdolmetschen. Diesmal in Anlehnung an meinen Vortrag, den ich am 27. März an der Amberger Volkshochschule gehalten habe. Schön war auch zu sehen, dass die Redaktion nochmals ein paar weitere Passagen meines selbst verfassten Artikels mit eingebaut hat. Der Artikel „Barrierefreie Kommunikation“ erschien im Übrigen am selben Tag auch in der Schwandorfer Tageszeitung Der Neue Tag. Hier können Sie ihn im Original nachlesen.

Amberger Zeitung, erschienen am 01.04.2019:

Barrierefreie Kommunikation

Wenn Hören zum Problem wird, kann der Alltag schwierig werden. Soziale Isolation ist keine Seltenheit. Bianka Kraus schafft Abhilfe. Sie ist Schriftdolmetscherin und trägt dazu bei, Menschen mit Gehörschädigung oder Gehörlosigkeit ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Amberg. (wpt) Zu Beginn des Jahrtausends lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland bei 77,93 Jahren. 2016 waren es schon 80,64 Jahre. Das heißt: Die Bevölkerung wird immer älter. Eigentlich eine gute Nachricht. Mit dem Alterungsprozess gehen aber auch Schwierigkeiten einher. Das Hörvermögen nimmt beispielsweise ab. Parallel dazu steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Renteneintrittsalter weiter steigt. So oder so: Hörschädigung und Altersschwerhörigkeit stellen ein Problem dar, denn: Ein verringertes Sprachverständnis kann die Kommunikation mit Mitmenschen stören und soziale Beziehungen verschlechtern und schließlich sogar zu Depressionen und Demenz führen.

Bianka Kraus hat einen Beruf, der in Deutschland noch kaum bekannt ist: Die Neumarkterin ist zertifizierte Schriftdolmetscherin. Es stellt sich die Frage, wofür man denn eine solche Dolmetscherin brauchen sollte. Es gibt doch Hörgeräte: Knopf ins Ohr, fertig, oder? Nein, so einfach ist es nicht, denn: „Es gibt technische Hilfsmittel, die das Leben von Betroffenen zwar erleichtern können, aber oft an ihre Grenzen stoßen“, erklärte Kraus bei ihrem Vortrag in der Amberger Volkshochschule. Bei Veranstaltungen, auf denen viele Menschen durcheinander reden und ohnehin ein hoher Lärmpegel herrscht, werde es für Menschen mit Gehörbeeinträchtigung auch mit einem Hörgerät schwer, Gesprächen zu folgen.

In Echtzeit nachlesen

Kraus: „Betroffene dürfen nicht benachteiligt sein. Die meisten wissen gar nicht, dass sie einen Rechtsanspruch auf einen Schriftdolmetscher haben.“ Aber was genau machen Schriftdolmetscher? Kurz gesagt: Sie verschriftlichen alles in Echtzeit, was um eine Person herum passiert. „Neben Äußerungen des Sprechers nehmen wir auch Zwischenrufe und Umgebungsgeräusche mit auf: Betroffenen bleiben so keine Wortspiele oder Witze am Rande mehr verwehrt.“ Kraus schreibt also mit. Der Text erscheint sofort auf einem Bildschirm, ein Mensch mit einer Hörbehinderung kann sofort alles mitlesen: „Dadurch, dass ihnen keine Information mehr entgeht, können Betroffene am gesellschaftlichen Leben teilhaben und sind voll integriert.“

Neutralität, das ist es laut Kraus, was ein Schriftdolmetscher voll umfänglich gewährleisten kann. Das wiederum sei elementar für ein selbstbestimmtes Leben: „Es ist ganz wichtig, dass ein Betroffener alle Informationen erhält und auch Fragen selbstständig beantworten kann. Eines dürfen wir nie vergessen: Betroffene haben ein Recht auf denselben Wissensstand wie Hörende.“ Schriftdolmetscher unterliegen der Schweigepflicht und dem Datenschutz, vertrauliche Informationen bleiben also auch vertraulich. Was ist mit Gebärdensprache? Tritt Taubheit oder Hörschädigung plötzlich auf, helfe sie nur bedingt: „Das ist eine Sprache, die man nicht schnell mal in ein paar Wochen beherrscht. Die Betroffenen können nicht so lange warten.“

Keine Frage des Alters

Was viele nicht bedenken: Hörschädigung ist keine Frage des Alters. Auch junge Menschen können betroffen sein. „Dank der Schriftdolmetscher werden ihnen heute Chancen ermöglicht, die vor Jahren fast gar nicht möglich gewesen wären“, sagt Bianka Kraus. Jugendliche haben im Bildungsbereich einen Anspruch auf die Dienste von Kraus, wenn sie eine Regelschule besuchen, eine Ausbildung machen oder studieren. „An bayerischen Berufsschulen kommen Schriftdolmetscher bereits zum Einsatz“, weiß Kraus.

Noch Nachholbedarf

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hinke Deutschland, was die Inklusion im Bildungsbereich angeht, „noch stark hinterher“, sagt Kraus. „Da ist es doch gerade wichtig, dass die Inklusion beispielsweise an Regelschulen weiter ausgebaut wird.“ Chancengleichheit stelle eine Bereicherung für die Gesellschaft dar: „Nur wenn Menschen mit und ohne Behinderung schon früh miteinander und besonders voneinander lernen, dann werden Menschen ohne Behinderung Betroffenen im späteren Leben mit mehr Toleranz und Respekt begegnen.“

Bildtext: Bei ihrem Vortrag „Schriftdolmetschen – der Schlüssel zu einer barrierefreien Kommunikation“ in der Amberger Volkshochschule: Bianka Kraus aus Neumarkt.
Bild: Petra Hartl

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