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Zeitungsartikel „Mitlesen, wenn es mit dem Hören nicht mehr klappt“

05.04.2019 | Schriftdolmetschen

Und schon wieder erschien auf mein Treiben hin ein Artikel zum Thema Schriftdolmetschen. Diesmal in den Nürnberger Nachrichten und der Hilpoltsteiner Zeitung (jeweils unter der Rubrik „Ratgeber Soziales“). Wie immer gibt es auch diesen – sehr ausführlichen – Artikel hier im Original nachzulesen.

Nürnberger Nachrichten, erschienen am 05.04.2019:

Mitlesen, wenn es mit dem Hören nicht mehr klappt

Schriftdolmetscher können vor Gericht, im Beruf oder beim Arzt eine große Hilfe sein – Wer hat Anspruch und wer trägt die Kosten?

Von Daniel Hertwig

Wer wenig oder nichts hört, für den ist die Teilnahme an Veranstaltungen, ob beruflich oder privat, oft schwierig bis unmöglich. Helfen können Schriftdolmetscher – die Kosten übernehmen teils Ämter oder Krankenkassen.

NÜRNBERG – Zugegeben: Wenn Bianka Kraus dolmetscht, sieht das etwas gewöhnungsbedürftig aus. Die Neumarkterin übermittelt mündlich Gesprochenes – etwa bei einem Vortrag oder einer Podiumsdiskussion – nicht in Gebärdensprache, sondern gleich als Text, der auf einer Leinwand oder einem Bildschirm mitgelesen werden kann. Dazu benötigt Kraus jedoch ein Hilfsgerät, das ein wenig an einen Maulkorb erinnert: eine Sprachmaske.
Was die Dolmetscherin in diese Hightech-Maske spricht, verarbeitet eine Computersoftware zu lesbarem Text. Das funktioniere recht zuverlässig, erklärt Kraus. In der Software kann sie verschiedene Profile abspeichern, etwa für Deutsch und Englisch oder für verschiedene Fachgebiete. Bereitet sich Kraus auf einen speziellen Einsatz vor, etwa bei einer Expertentagung, kann sie zudem gezielt Fachbegriffe einsprechen, damit die Maske diese besser erkennt.
„Je öfter man mit seiner Software trainiert und je umfangreicher der Wortschatz ist, den die einzelnen Profile besitzen, desto besser“, so die Schriftdolmetscherin. Für den Notfall, oder wenn sie gleichzeitig in verschiedenen Sprachen dolmetschen muss, hat die Oberpfälzerin aber immer auch eine Tastatur dabei.

Nur wenige Profis in Bayern

Eigentlich ist Kraus Übersetzerin für Französisch und Englisch. Doch bei dieser Tätigkeit habe ihr der direkte Kontakt zu Menschen gefehlt, erzählt sie. Durch Zufall sei sie dann auf das Schriftdolmetschen gestoßen, ein „noch relativ junges und unbekanntes Berufsbild“, wie sie weiß.
Tatsächlich zählt der Landesverband Bayern der Schwerhörigen und Ertaubten auf seiner Internetseite neben Kraus gerade einmal sechs weitere Schriftdolmetscher auf, darunter keinen in Mittelfranken. Kraus ist allerdings deutschlandweit und auch im Ausland im Einsatz.
Der Bedarf ist groß, sagt Werner Hagedorn, Vorsitzender des Landesverbands der Schwerhörigen und Ertaubten. „Wir benötigen allein in Bayern noch mehr als 1000 Schriftdolmetscher.“ Das Problem laut Hagedorn: „Solange diese Ausbildung keine Schul- oder Hochschulausbildung ist und die Kosten vom Teilnehmer selbst erbraucht werden müssen – im Gegensatz zu einer Gebärdensprachdolmetscherausbildung –, werden diese notwendigen Schriftdolmetscher auch nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.“
Zwar könne man sich beim Deutschen Schwerhörigenbund zum Schriftdolmetscher weiterbilden lassen, doch das werde weder von der bayerischen Regierung noch vom Bezirketag unterstützt.
Und auch wenn Hagedorn häufig Anfragen von Betroffenen zum Thema erreichen, sei die Unterstützung durch Schriftdolmetscher insgesamt noch wenig bekannt, meint er.
Das habe auch damit zu tun, „dass die Schwerhörigkeit und ihre Auswirkungen noch immer ein Tabuthema sind und Schwerhörige oder Hörgeschädigte gleichgesetzt werden mit entweder gehörlosen Menschen oder alten Menschen – obwohl beide Gruppen der Hörbehinderten gänzlich andere Bedürfnisse der barrierefreien Teilhabe haben.“ Dabei seien solche Assistenzleistungen die Voraussetzung für eine „uneingeschränkte Teilhabe am öffentlichen und privaten Leben“.
Deswegen hat laut Hagedorn „jeder hörgeschädigte Mensch, der lautsprachlich nicht mehr ohne diese Hilfen kommunizieren kann“, Anspruch auf die Leistung von Schriftdolmetschern.
Je nach Anlass würden die Kosten, die laut dem Bundesverband der Schriftdolmetscher bei 75 Euro pro Stunden liegen (wobei auch Fahrtzeiten, Auf- und Abbau der Technik sowie Wartezeiten berechnet werden), von verschiedenen Stellen übernommen. Bei Arztbesuchen etwa von der Krankenkasse, bei Behördengängen oder Gerichtsterminen vom Amt, im Beruf vom Integrationsamt oder der Rentenversicherung (zu den Details berät der Schwerhörigen-Landesverband in seiner Beratungsstelle in München, Quiddestraße 15, telefonisch unter 089/49 05 33 27, Fax -28, oder per E-Mail an beratung@schwerhoerige-bayern.de).
Keine Probleme bei Kostenübernahme oder zumindest -zuschüssen gibt es nach Erfahrung des Bund der Schwerhörigen Nürnberg etwa vor Gericht, da die Justiz dafür aufkomme. Bei Notar- oder Arztbesuchen hingegen „wird wohl meistens kein Kostenträger zu finden sein“, meint DSB-Berater Friedrich Rauhut.
Fördertöpfe gebe es bei verschiedenen staatlichen Stellen und Krankenkassen. Rauhut empfiehlt die Beratung des GIB-BLWG, dem Bayerischen Institut zur Kommunikationsförderung für Menschen mit Hörbehinderung in Nürnberg (Fürther Straße 212, Gebäude B 1.1, Tel.: 0911/12 07 65 0, Fax: -44, Mail: info@giby.de, Online: www.auskunft.giby.de).
Rauhut mahnt jedoch, Schrift- und Gebärdensprachdolmetscher nicht zu verwechseln. „Gehörlose brauchen Gebärdensprachdolmetscher oder als Ersatz Schriftdolmetscher. Schwerhörige dagegen haben in der Regel die Gebärdensprache nicht gelernt – vor allem diejenigen, die im hohen Alter an an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit leiden.“ Deswegen würden manchmal beide Dolmetschertypen benötigt.
Alternativ komme auch eine „gut funktionierende Induktionsanlage, bei der der Ton per Mikrofon und Funk über eine Ringschleife in das Hörgerät geleitet wird“, infrage. Zu solchen Induktionsanlagen berät Rauhut; im Vereinsraum im Nachbarschaftshaus Gostenhof könne er zudem eine Anlage vorführen (Adam-Klein-Straße 6, Raum 106, Beratung jeden zweiten und vierten Mittwoch, 16-18 Uhr, mit Voranmeldung, Tel.: 0911/28 43 44, E-Mail: schwerhoerige-nuernberg@t-online.de).
Auch Rauhut geht davon aus, dass viele Schwerhörige noch nicht über Schriftdolmetscher oder Induktionsanlagen informiert sind. „Da ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig und – so habe ich den Eindruck – noch gewisse Tabus zu überwinden“, sagt der Berater. „Brillen sind nicht problematisch, Hörgeräte aber schon. Warum eigentlich?“
Wichtig für die gesellschaftliche Teilhabe findet er außerdem, dass auch die „Guthörenden“ sich daran beteiligen: „Wenn ein Arzt in der Praxis einem Schwerhörigen die bevorstehende OP erklärt, indem er selbst auf dem Laptop schreibt, wie die OP läuft, eventuelle Komplikationen erläutert – das wäre wirklich Inklusion.“

Für was die Kasse zahlt

Wann kommen die Krankenkassen als Kostenträger ins Spiel? Barmer-Pressesprecher Axel Wunsch erläutert: „Anspruch auf die Leistungen von Schriftdolmetschern haben Hörbehinderte, insbesondere gehörlose Menschen (taub Geborene oder bis zum siebten Lebensjahr Ertaubte), hochgradig schwerhörige Menschen, deren Restgehör trotz Hörhilfe nicht zur Sprachaufnahme ausreicht, vollständig (nach dem siebten Lebensjahr) ertaubte Menschen und taubblinde Menschen“ sowie „Menschen mit starker Beeinträchtigung der Sprach- bzw. Sprechfähigkeit (zum Beispiel wegen einer autistischen Störung, einer Aphasie oder Dysarthrie).“
Voraussetzung sei, „dass Betroffene ohne die Gebärdensprache bzw. die andere Kommunikationshilfe ihre sozialen Rechte nicht vollständig wahrnehmen können. Hierzu gehört insbesondere der Anspruch auf Gewährleistung einer wirtschaftlichen Krankenbehandlung.“
Die Vergütungshöhe richte sich für die Kassen nach dem Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz, der aktuelle Vergütungssatz liege bei 70 Euro pro Stunde, bei simultanem Dolmetschen 75 Euro. In ihren Geschäftsstellen in der Region berate die Barmer auch zu diesem Thema, so Wunsch. Wie oft derzeit nach der Leistung von Schriftdolmetschern gefragt wird, werde allerdings nicht ausgewertet.
Geht es um berufliche Anlässe, etwa Sitzungen, Weiterbildungen oder auch ein Studium, kann die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Sitz in Nürnberg Kosten von Schriftdolmetschereinsätzen übernehmen, „Voraussetzung ist, dass die BA Rehabilitationsträger ist“, erklärt Pressereferent Christian Weinert.
„Die BA übernimmt die Kosten für einen Schriftdolmetscher, wenn eine anerkannte Schwerbehinderung mit einer nachgewiesenen Hörbehinderung vorliegt, und dies für die ausgeübte Beschäftigung notwendig ist. Des Weiteren muss das Einverständnis des Arbeitgebers für den Einsatz einer betriebsfremden Assistenzkraft vorliegen.“
Ziel sei es, „eine angemessene und geeignete Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit zu ermöglichen und diese zu erhalten“. Betroffene Personen können sich an die örtlichen Agenturen für Arbeit (Reha-Teams), Integrationsämter und Integrationsfachdienste wenden, so der BA-Pressereferent. Daten dazu, wie oft die BA solche Kosten übernehmen, lägen nicht vor.
Schriftdolmetscherin Bianka Kraus sagt, bislang werde sie überwiegend von den Hörbeeinträchtigten selbst gebucht. Es sei aber auch möglich, dass etwa Veranstalter sie als Dolmetscherin engagierten. „Und das wäre auch im Sinne der Inklusion“, findet die Neumarkterin.
„Dadurch müssten sich nicht die Betroffenen darum kümmern und könnten spontan Veranstaltungen besuchen – wie es ihre hörenden Mitmenschen eben auch tun.“
 

Informationen zum Schriftdolmetschen gibt Bianka Kraus bei einem Vortrag in Hilpoltstein am Mittwoch, 8. Mai, 19-20.30 Uhr, in der Residenz, Kirchenstraße 1. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung über die Volkshochschule Hilpoltstein, Tel.: (09174) 978 503, per E-Mail an karin.koestler@hilpoltstein.de oder im Internet unter vhs-roth.de

Alle Angaben des Ratgebers Soziales wurden sorgfältig recherchiert. Aufgrund des permanenten Reformprozesses, dem das Sozialrecht unterliegt, sowie zahlreichen Sonder- und Ausnahmeregelungen kann es aber sein, dass einige Angaben nicht auf Sie zutreffen. Eine individuelle juristische und/oder medizinische Beratung kann und darf der Ratgeber Soziales nicht ersetzen.

Bildtexte:
Ob im Beruf oder in der Freizeit: Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist für Menschen, die wenig hören, oft stark beeinträchtigt. Unter Umständen haben sie Anspruch auf die Leistung von Schriftdolmetschern. (großes Bild)
Mit Sprachmaske: Schriftdolmetscherin Bianka Kraus aus Neumarkt. (kleines Bild)
Fotos: Jens Wolf/dpa und privat

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